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Kleine Glocke ganz groß

 

Im Turm der Marpinger Pfarrkirche "Maria Himmelfahrt" hängen drei Glocken: zwei große aus dem Jahre 1950 und eine kleine, aber viel ältere aus dem Jahre 1363.

Die großen tragen die Namen "Maria in coelum assumpta" nach der Patronin der Pfarrkirche und "Christ-Friedenskönig-Glocke" als Künderin des Friedens.

Beide ersetzen ihre Vorgängerinnen, die während des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmt und zu Geschützgranaten umgeschmolzen wurden.

Deren Vorgängerinnen erging es während des Ersten Weltkrieges ebenso.
Der kleinen blieb dieses Schicksal erspart. Sie ist ohne Krone nur 62 cm hoch und ihr Randdurchmesser beträgt 81 cm. So hat sie bald sieben Jahrhunderte mit all ihren Wirren und Kriegen überdauert und von mehreren verschiedenen Kirchtürmen an gleicher Stelle die Gläubigen zum Gottesdienst gerufen, vor Not und Gefahr gewarnt und Frieden und Freude verkündet.

 

Die Marpinger nennen sie Katharinenglocke, weil sie ein rundes Medaillon trägt
von 6 cm Durchmesser mit einem 3,4 cm großen Innenbild, das die hl. Katharina mit Rad und Schwert zwischen zwei anderen Figuren darstellt.

 

Von besonderer Bedeutung an dieser Bronzeglocke ist die Inschrift, die erst in diesem Jahr vom "Rheinischen Glockeninstitut" in Overath vollständig gedeutet worden ist. Aus Platzgründen ist sie verkürzt darstellt und war deswegen bisher nicht lesbar. Es handelt sich um einen literarisch kunstvoll gestalteten und theologisch höchst anspruchsvollen Text, der vollständig ausgeschrieben so lautet:

 

 salve  lux mu(n)di  v(er)b(u)m  pat(ri)s  hostia  vera

viva caro d(e)itas - integ(ra) ver(us)  h(omo)

 

(Die auf der Glocke fehlenden Buchstaben sind eingeklammert)

 

Der Spruch setzt sich zusammen aus zwei Versen, einem Hexameter und einem Pentameter und ist somit ein Distichon. Frei übersetzt lautet er:

 

"Sie gegrüßt, du Licht der Welt, Wort des Vaters, wahres Opferlamm
lebendiges Fleisch, ungeteilter Gott und wahrer Mensch"

 

Zumindest der zweite Vers stammt aus einer "Salutatio ad Dominum Jesum Christum" des Anselm von Canterbury  (+ 1109), in dem dieser theologische Aussagen über die Lehre der Eucharistie macht, lange bevor dieser Satz Dogma wurde.

 

An dieses Distichon schließt sich ein Bittgebet an:

 

 io(hannes) maria ora(te) pro n(o)bis hanborn

 

 

Das Wort hanborn könnte der Name des Stifters sein. Der anspruchsvolle Text des Glockenspruchs deutet auf die Herkunft aus einem gelehrten Konvent, etwa auf Tholey hin. Das vorher beschriebene Katharinenrelief ist vermutlich das Siegel des (geistlichen) Auftraggebers.

 

Es war sicher gewagt, von dieser sekundären Darstellung den bislang verwendeten Glockennamen abzuleiten. Vom Text her jedenfalls ist es keine Katharinenglocke, sondern eine Christusglocke, allenfalls eine Fronleichnams- oder Eucharistieglocke.

Nimmt man die Fürbitte als Anhaltspunkt, müsste sie "Johannes- und Marienglocke" heißen.

 

Wie immer es sei: Die kleine "Katharinenglocke" im Marpinger Kirchengeläut ist kulturgeschichtlich betrachtet - die wertvollste.

 

Hermann Sottong 15.12.2002

 

Kleine Glocke ganz groß  "Johannes- und Marienglocke"

eine der neuen großen Glocken

"Christ-Friedenskönig-Glocke"

Erstellt: durch  Klaus Recktenwald;  zuletzt geändert am:

Freitag, 26. Januar 2007